11/06/2025

Barrierefreiheit für Unternehmen 

HiQ deckt jeden Aspekt der agilen Softwareentwicklung ab: von Web Application, Microservices, und Mobile Development bis IoT.

Digitale Barrierefreiheit

Das sollten Unternehmen wissen.

Digitale Barrierefreiheit bedeutet, dass alle Menschen – auch Menschen mit Behinderungen – digitale Produkte und Dienstleistungen uneingeschränkt nutzen können. Laut der UN-Behindertenrechtskonvention ist Barrierefreiheit ein grundlegendes Menschenrecht. Dennoch sind viele digitale Lösungen heute nicht barrierefrei und stellen somit Hindernisse für einen erheblichen Teil der Bevölkerung dar.

Um das zu ändern, tritt zum 28. Juni 2025 das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz in Kraft, das die europäische Richtlinie zur Barrierefreiheit European Accessibility Act (EAA) umsetzt. Ab diesem Zeitpunkt müssen viele Unternehmen und Organisationen neue Anforderungen an die Barrierefreiheit erfüllen, um ihre Produkte und Dienstleistungen weiterhin innerhalb der EU anbieten zu dürfen.

Europäische Richtlinie zur Barrierefreiheit

Ziel des European Accessibility Act ist es, digitale Barrierefreiheitsanforderungen EU-weit zu vereinheitlichen. Er gilt für Produkte und Dienstleistungen in folgenden Bereichen:

  • E-Commerce: Online-Shops und digitale Marktplätze müssen vollständig zugänglich sein, z. B. durch Unterstützung für Screenreader, Tastaturnavigation und klar erkennbare Bedienelemente.
  • Bankdienstleistungen: Online-Banking-Plattformen und Geldautomaten müssen barrierefreie Oberflächen bieten, z. B. Screenreader-Kompatibilität, alternative Authentifizierungsmethoden und hohe Kontraste für sehbehinderte Menschen.
  • Elektronische Kommunikation: Dienste wie E-Mail und Kundenportale müssen so gestaltet sein, dass sie auch von Personen mit motorischen oder kognitiven Einschränkungen genutzt werden können.
  • E-Books: Plattformen und Lesegeräte für E-Books müssen Funktionen wie Alternativtexte, anpassbare Schriftarten und Text-to-Speech-Kompatibilität bieten.
  • Verkehrsdienste: Digitale Buchungssysteme für den öffentlichen Nah- und Fernverkehr, Flüge, Züge und Busse müssen für Menschen mit Mobilitäts- oder kognitiven Einschränkungen zugänglich sein.
  • Audiovisuelle Mediendienste: TV- und Streaming-Dienste müssen Funktionen wie Untertitel, Audiodeskriptionen und Gebärdensprache unterstützen.

Weitere betroffene Kategorien sind unter anderem: Computer und Betriebssysteme, Smartphones und andere Kommunikationsgeräte sowie Notrufe unter der EU-Notrufnummer 112.

Laptop on coffee table

Produkte und Dienstleistungen in diesen Bereichen müssen den Anforderungen der Norm EN 301 549 entsprechen, die auf den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1 AA basiert. In manchen Fällen ist auch WCAG 2.2 AA relevant. Zu den Anforderungen gehören unter anderem:

  • Alternativtexte für Bilder und Medien
  • Ausreichende Kontraste zwischen Text und Hintergrund
  • Bedienbarkeit und Navigation per Tastatur
  • Anpassbare Schriftgrößen und Abstände
  • Klare Sprache und logisch strukturierte Inhalte

Erfüllen Organisationen die Anforderungen nicht, drohen rechtliche Konsequenzen. Dazu zählen Bußgelder durch nationale Aufsichtsbehörden, ein Vermarktungsverbot innerhalb der EU sowie Klagen von Endnutzern. Diese können Barrieren melden und Verbesserungen oder Schadenersatz fordern.

Zentrale Anforderungen – was müssen Unternehmen tun?

Um konform zu handeln, sollten Unternehmen folgende Schritte umsetzen:

Führen Sie ein Accessibility-Audit durch, um Lücken in bestehenden digitalen Lösungen zu identifizieren. Automatisierte Tools wie axe DevTools, WAVE oder Lighthouse erkennen technische Schwachstellen – sie erfassen jedoch nicht alles. Ergänzen Sie die Analyse daher durch manuelle Prüfungen und Usability-Tests mit echten Nutzer:innen.

Setzen Sie Maßnahmen gemäß den Web Content Accessibility Guidelines 2.1 (WCAG 2.1) um – dabei gelten die vier POUR-Prinzipien:

  • Perceivable (wahrnehmbar): Informationen müssen für alle zugänglich sein, unabhängig von sensorischen Einschränkungen. Zum Beispiel durch Alternativtexte, ausreichende Kontraste und anpassbare Schriftgrößen.
  • Operable (bedienbar): Navigation und Interaktion müssen mit unterstützenden Technologien funktionieren, etwa durch Tastaturnavigation und vorhersehbare Interaktionen.
  • Understandable (verständlich): Inhalte müssen leicht lesbar und verständlich sein – z. B. durch einfache Sprache und konsistentes Design.
  • Robust (robust): Inhalte müssen mit verschiedenen technischen Lösungen kompatibel sein – z. B. mit Screenreadern oder KI-basierten Assistenten.

Schulen Sie Ihre Mitarbeitenden in digitaler Barrierefreiheit – insbesondere Designer:innen, Entwickler:innen und Content-Verantwortliche sollten wissen, wie barrierefreie Inhalte gestaltet werden.

Achten Sie auf barrierefreie Beschaffung. Wenn Sie Dienstleistungen einkaufen, müssen Barrierefreiheitsanforderungen vertraglich geregelt werden.

Dokumentieren und berichten Sie systematisch. Entwickeln Sie klare Routinen zur Umsetzung und Prüfung von Barrierefreiheit. Dazu gehören regelmäßige Audits und eine öffentlich zugängliche, regelmäßig aktualisierte Accessibility-Erklärung.

Ein inklusives digitales Erlebnis ist mehr als nur gesetzliche Pflicht – es schafft Mehrwert, stärkt die Marke eines Unternehmens und öffnet Firmenangebote für ein breiteres Publikum.

Herausforderungen – und wie Sie sie vermeiden

Viele Organisationen stoßen bei der Umsetzung digitaler Barrierefreiheit auf ähnliche Herausforderungen. Hier sind die häufigsten – und wie Sie ihnen begegnen:

Unklarheit über die Anforderungen:
Oft wird unterschätzt, wie komplex Barrierefreiheit tatsächlich ist. Die reine Einhaltung von WCAG-Grundlagen reicht nicht. Außerdem sind die Richtlinien nicht immer leicht zu interpretieren – deshalb ist es wichtig, Ihre Teams zu schulen und Fachleute einzubeziehen. Automatisierte Tools helfen beim Einstieg, doch Tests mit echten Nutzer:innen sind unerlässlich, um reale Hürden zu erkennen.

Zu späte Umsetzung:
Wer mit der Umsetzung bis kurz vor dem Stichtag wartet, riskiert teure Notlösungen. Beginnen Sie frühzeitig, priorisieren Sie Änderungen mit dem größten Nutzen für die Nutzerfreundlichkeit – und integrieren Sie Barrierefreiheit dauerhaft in Ihre Entwicklungsprozesse.

Fehlende Usability-Tests mit Betroffenen:
Auch wenn eine Website technisch WCAG-konform ist, bedeutet das nicht automatisch gute Nutzbarkeit. Nur durch Tests mit Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen lassen sich echte Barrieren erkennen. Ohne diese Tests riskieren Sie Lösungen, die zwar „auf dem Papier“ gut aussehen, aber in der Praxis schwer zu bedienen sind.

Unzureichende Schulung im Unternehmen:
Barrierefreiheit ist keine einmalige Aufgabe für Entwickler:innen. Sie erfordert eine langfristige Strategie, in der alle – von Content-Erstellung bis Support – das Thema verstehen. Schulungen und klare interne Guidelines sorgen dafür, dass das Wissen aktuell bleibt und angewendet wird.

Widerstände und Ressourcenmangel:
Ein weit verbreiteter Irrglaube ist, dass Barrierefreiheit zeit- und kostenintensiv sei. Tatsächlich verursachen nicht-barrierefreie Lösungen langfristig höhere Kosten – etwa durch rechtliche Risiken, Imageverluste oder Nutzerabwanderung. Machen Sie die Vorteile sichtbar und zeigen Sie: Barrierefreiheit ist eine Investition, kein Kostenfaktor.

Checkliste: So gelingt der Einstieg

Ein strukturierter Plan ist entscheidend für den Erfolg. Hier ist Ihre praktische Checkliste für den Start in die barrierefreie Zukunft:

  1. Accessibility-Audit durchführen: Technische und nutzungsbezogene Lücken identifizieren
  2. Teams schulen: Entwickler:innen, Designer:innen und Autor:innen mit WCAG 2.1 AA vertraut machen
  3. Websites und digitale Services anpassen: Verbesserungen priorisieren und umsetzen
  4. Mit echten Nutzer:innen testen: Verschiedene Anforderungen einbeziehen
  5. Führungskräfte und Mitarbeitende sensibilisieren: Verständnis und Unterstützung sichern
  6. Externe Dienstleister prüfen: Vertraglich sicherstellen, dass Standards eingehalten werden
  7. Dokumentieren und berichten: Accessibility-Plan erstellen und öffentlich kommunizieren

Indem Sie diese Schritte umsetzen, schaffen Sie ein inklusives digitales Umfeld, senken rechtliche Risiken und stärken Ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Denn Barrierefreiheit verbessert die Nutzererfahrung für alle – nicht nur für Menschen mit Behinderungen. Unternehmen, die barrierefreie Lösungen implementieren, profitieren häufig von positiven Effekten auf SEO, Kundenbindung und Conversion Rates. Zudem lassen sich rechtliche Risiken und spätere Kosten für nachträgliche Anpassungen reduzieren.

Und denken Sie daran: Barrierefreiheit beginnt nicht am Ende eines Projekts, sondern mit der Art und Weise, wie Sie Ihre digitalen Produkte von Anfang an gestalten. Unsere agilen Softwareentwicklungs-Services bei HiQ helfen Ihnen dabei. Jetzt starten – Juli 2025 steht vor der Tür.

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